Kann es sein, dass die Wiege der Inspiration im Entlebuch steht? Und, falls Ja: Was hat das mit der Nähmaschine meiner Mutter zu tun? Und wie zum Teufel kommt diese Nähmaschine in meine Erzähl-Manufaktur?
„Steh auf!“ Zwei Worte meiner Mutter, die sich seit meiner Kindheit tief in mein Gedächtnis eingestanzt haben. „Steh auf“ war jedoch nicht ihr Weckruf am Morgen. Für den Weckruf am Morgen brauchte sie keine Worte. Dafür reichten ihr Taten. Mit einem kraftvollen Ruck riss sie den Fenstervorhang auf, und da dieser Vorhang mit Metallringen an einer Metallstange befestigt war, erzeugte das ein recht fieses Geräusch, welches meist schon die gewünschte Wirkung zeitigte. Und stellte sich diese nicht umgehend ein, so legte sie nach: Mit Fensteraufreissen und dem Knallen der Fensterläden, wenn sie mit Schwung geöffnet und an die Hauswand gebrettert wurden, und spätestens dann wusste ich, dass ich verloren hatte. Denn im gleissenden Frühmorgenlicht, das dann ins Zimmer schoss, zeigte die Niederlage sich in scharfen Konturen.
Das „Steh auf“ kam weit unspektakulärer, halblaut und eher nebenbei, was meine Niederlage jedoch kaum abfederte. Das „Steh auf“ befahl mir, meinen Platz an der Nähmaschine zu räumen für die, die wirklich dorthin gehörte, meine Mutter. Denn meine Mutter ist Schneiderin, und ihre Nähmaschine ist längst legendär. Aber das ist eine andere Geschichte. Diese Geschichte erzählt von meinen Versuchen, selber etwas zu nähen, die allesamt gründlich daneben gingen und denen meine Mutter jeweils mit diesem „Steh auf“ ein Ende setzte, indem sie ihren Platz einnahm und zu retten versuchte, was noch zu retten war.
Ich war talentfrei, was das Nähen betraf. Nach langem sah ich es ein und beschäftigte mich nur noch mit dem, was ich besser konnte: Schreiben. Und dennoch war ich meistens die Erste, die diesen Katalog studierte, „Ackermann Entlebuch“, den Katalog mit den vielen Stoffproben, jede kaum grösser als eine Briefmarke, aber man konnte die Stoffe greifen, und man hatte sie mit einer Zickzackschere zugeschnitten. Ich machte einen letzten Versuch, indem ich anregte, eine Zickzackschere anzuschaffen, obwohl ich die Reaktion meiner Mutter schon kannte: Zickzackscheren waren etwas für Verlierer, für solche, nicht imstande waren, einen anständigen Saum hinzukriegen, genauso wie Druckknöpfe nur jenen als billigen und höchst unlauteren Ausweg dienten, die unfähig waren, ein Knopfloch zustande zu bringen. Also sah ich mich gezwungen, mich auf das Wesentliche dieser Kataloge zu konzentrieren: Die Stoffe. Ich nahm meine Faszination für sie einfach an, ohne mir erklären zu können, warum diese kleinen Stoffproben mich dermassen inspirierten. Der Katalog ging nach der Bestellung zurück ins Entlebuch. Und bis der nächste kam, fragte ich im Stoffladen im Dorf nach Stoffresten. Ich gab vor, daraus Puppenkleider nähen zu wollen, was eine blanke und schamlose Lüge war. Ausser meiner Unfähigkeit zum Nähen bestand da noch die traurige Tatsache, dass ich eine miserable Puppenmutter war. Immerhin brachte diese Lüge die Frau im Stoffgeschäft dazu, mir einige Stofffetzen mitzugeben, meistens bunte, feine Stoffe, manchmal auch dunkle, aber weiche. Zuhause faltete ich sie zusammen und schaute sie mir immer wieder an.
Viel später glaubte ich, die Erklärung für meine Liebe zu Stoffen gefunden zu haben. Das war am Tag, an dem ich herausfand, dass das Wort „Text“ „Gewebe“ bedeutet. Wie bei den Stoffen die Fäden ineinandergreifen müssen, so müssen bei einem Text die Worte wohl gesetzt sein, und untereinander so verbunden, dass man daraus eine Geschichte lesen kann, eine Geschichte, die auf den ersten Blick schon etwas Anziehendes hat und die Tiefe erahnen lässt. Wie aus einem Stoff beinahe alles entstehen kann, so habe ich auch mit Worten und Sätzen schier unbegrenzte Möglichkeiten. Mit ihnen gebe ich meinen Ideen und meinen Gedanken Gestalt – und hoffe, dass jemand sie liest und ihren Sinn erkennt. Oder ihnen einen eigenen Sinn gibt.
Natürlich sage ich mir in meinen gnadenlosen Momenten, dass diese Verbindung zwischen dem, was meine Mutter umtreibt und dem, was mich beschäftigt, herbeigewürgt ist. Dass ich diese Verbindung auch zur Leidenschaft meines Vaters, dem Arbeiten mit Holz, mit etwas gutem Willen zu knüpfen vermöchte. Fakt ist: Ihr Talent wurde an mich nicht vererbt, und ich konnte die Enttäuschung darüber keinem von beiden ersparen. Und doch: Die stille Versunkenheit meiner Mutter, diese für sie ansonsten untypische Art von Andacht, die sich bei ihr immer einstellte, wenn ein Stück Stoff auf dem Tisch lag, dieses respektvolle Ausatmen, bevor sie die Schere ergriff und begann, den Stoff zuzuschneiden. Und die gleiche Stille in der Werkstatt meines Vaters, bevor er an einem Stück Holz die Säge ansetzte. Diese beiden Erinnerungen blitzen in mir auf. Jedesmal, bevor ich in meiner Erzähl-Manufaktur zu schreiben beginne.
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2 Kommentare
Greth · 20/02/2020 um 09:10
Als ich vom Ackermannkatalog las, sah ich mich wieder zuhause in der Stube. Vollgestellt mit Kartonschachteln, grosse Kübel mit Leim und die ganze Familie um den Tisch mit Kleben eben dieser Stoffmuster beschäftigt.. Gutes Sackgeld liess sich damit verdienen und meiner Mutter war dadurch ein bischen Eigenverdienst möglich.Ich kann sie förmlich riechen, diese Stoffmuster, mit der Zickzackschere geschnitten und zu Tausenden auf diese Blätter geklebt.
Danke für deine Geschichte, die mich an die meine erinnert.
Marti · 08/04/2020 um 20:52
Was für ein schöner Text … Stoff, den du da gewebt hast. Herrlich. Danke dir.
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