Die Sehnsucht nach Schönem könnte einen schon dazu treiben, den einen oder anderen gut trainierten Mann in eine Geschichte zu schmuggeln. Oder eine schöne Frau. Was nicht verboten ist. Es sei denn, sie irren sinnlos durch den Text.

An diesem Tag hätte sie mir beinahe die Tür eingetreten, und nachdem ich das knapp verhindert hatte, stand sie, nennen wir sie Grethe, schnaufend in meiner Küche. Sie musste von ihrer Wohnung im Hochparterre links zu mir hinauf in den vierten Stock gerannt sein, aus gutem Grund, denn es gab Neuigkeiten. Schlechte Neuigkeiten. Immerhin nichts Tödliches, aber genug Dramatisches, eben genau das, was Grethe mochte. Die Mieterin vom Hochparterre rechts, nennen wir sie Ute, räumte nämlich ihre Wohnung leer. Zwei Männer, jung und gut trainiert, hatten ihr am Morgen geholfen, einen alten, wertvollen Schrank wegzubringen. Und: Utes Mann war weg. Ward seit Tagen schon nicht mehr gesehen. Und in der Zeit vor seinem Verschwinden hatte er schlecht ausgesehen. Wirklich schlecht, nicht bloss leicht unpässlich. Klar, was da abging: Zerrüttete Beziehung, ihm reichts, er haut ab, und sie vertickt seine Möbel. Zumindest diesen Schrank. Oder sie verschwindet ebenfalls, in Begleitung von gleich zwei jungen Kerlen.

Oder. Ein Wort, das mich in den nächsten Tagen das Fürchten lehrte. Beinahe jeder Satz von Grethe begann damit. Oder: Doch etwas Tödliches. Die beiden gut trainierten jungen Männer hatten verdächtig viel Kraft aufwenden müssen, als sie den Schrank aus der Wohnung trugen und auf ihren kleinen Laster hievten. Also leer war der nicht, der Schrank. Möglicherweise hatte Ute ihren Mann darin verstaut, nachdem er… oder nachdem sie ihn… Oder: Er ist zu seiner Geliebten gezogen, hat Ute in einem Anfall von schlechtem Gewissen das Mobiliar überlassen, ausser eben diesem Schrank… Oder: Es war keine Geliebte, sondern ein Geliebter, vielmehr waren es zwei. Was dann so nebenher die beiden Guttrainierten erklärt hätte.

Ich glaubte Grethe kein Wort. Aber ich mochte ihre Art, auch die kleinste Begebenheit als Indiz zu nehmen für eine haarsträubende, atemberaubende Geschichte. Das tun wir alle. Wir denken im Ursache-Wirkung-Schema, wir denken kausal. Alles muss seinen Grund haben. Daran müssen sich auch Geschichten halten. Damit die Leserinnen und Leser ihnen Sinn geben können, sind sie darauf angewiesen, dass das Geschehen logisch abläuft, dass jede Wirkung ihre Ursache hat. Wie im richtigen Leben. Frenzel, Müller & Sottong (Storytelling – Das Praxisbuch) fordern folgerichtig die kausale Verknüpfung der einzelnen Elemente einer Geschichte, und damit meinen sie nicht nur Anfang und Ende: «Auch die einzelnen Schritte… müssen aufeinander bezogen sein», und zwar selbst die kleinsten Schritte, mit jedem Detail. Sogar Gegenstände dürfen nicht grundlos herumliegen, wie schon Tschechow es einst gefordert hat, als er sinngemäss sagte, dass eine Pistole, die im ersten Akt eines Theaterstücks an der Wand hängt, spätestens im dritten Akt abgefeuert werden muss. Wird sie nicht abgefeuert, die Pistole, oder gibt es keinen Grund dafür, dass Guttrainierte auftreten, dann sollte man sie am besten aus der Geschichte entfernen. Jawohl, weg mit ihnen, so sehr uns das auch schmerzen mag. Sie lenken unsere Leserinnen und Leser nur ab, denn sie  sind damit beschäftigt, selber nach Ursachen für ihr Auftreten zu suchen, und verpassen die eigentliche Geschichte. Nur wenn wir uns beim Lesen darauf verlassen können, dass die Geschichte sich redlich um Kausalität bemüht, bekommen wir Lust zu spielen und uns eine Weile lang eigene Ursachen auszudenken. Die Geschichte öffnet dann eine riesige Landschaft voller Spuren, denen wir nachgehen, unaufdringlich geführt von unserem Erzählerin oder unserem Erzähler. Ab und zu führen die Spuren zu einer Überraschung, immer dann, wenn die Wirkung eine Ursache hat, an die wir selbst nie gedacht hätten.

Ich verstehe Grethe. Es könnte schon durchbrennen mit einem, wenn man nach nicht üblichen Ursachen sucht. Es sollte auch durchbrennen, zumindest, wenn es darum geht, eine Geschichte spannend zu erzählen. Aber auch ein Ursache-Wirkung-Schema, das auf der Hand liegt, muss nicht langweilig werden. Indem wir nur die Wirkung beschreiben: Eine versiffte Wohnung mit halbleeren Flaschen; oder ein blitzblankes Haus, überall hat es Glasuntersetzer und Schonbezüge. Man liest es, und man weiss Bescheid über den Menschen, der hier lebt. Mit diesem Vorgang spielt Monika Helfer in ihrem Roman «Die Bagage», wenn sie schreibt: «Vor dem Haus eine aufrechte Frau, sie hängt die Wäsche an die Leine… Jetzt gerade klammert die Frau eine Strampelhose fest und ein Jäckchen, also hat sie Kinder.»

Nach ein paar Tagen übrigens kam Utes Mann zurück. Etwas lädiert, etwas schwach. Er kam aus dem Spital. Blinddarmoperation. Nichts, was man den Nachbarn hätte mitteilen müssen. «Der Schrank? Ach ja, der Schrank», sagte Grethe. «Der kam ins Brockenhaus, wie bereits vor dem Spitalaufenhalt geplant. Die jungen Männer? Grethe gab nicht auf. «Ja, diese jungen Männer, nicht wahr? Na, im Brockenhaus arbeiten die bestimmt nicht. Weiss der Teufel, woher Ute die kennt. Von der Arbeit? Oder…»